Das Streben nach dem Absoluten

Taisa Nasser - Berlim 2013
Eduardo Nasser *
            
Es besteht kein Zweifel, dass die Moderne, zumindest teilweise, das von Schiller geprägte berühmte Epitheton "sentimentalistisch" wieder aufnimmt. Bekannt ist auch, dass der Rückzug der Aufklärung um die Jahrhundertwende vom 18. zum 19.Jh. zur Aufwertung der Empfindsamkeit in der Philosophie, besonders in der deutschen Philosophie, beigetragen hat. In diesem Sinne genügt es anzumerken, welchen Vorzug Romantiker wie Schlegel der Intuition einräumten, anstelle der Diskurse und Gedankenketten, die doch die westliche Philosophie lange Zeit beeinflussten. Das folgerichtige Ergebnis dieser Verschiebung der Prioritäten ist die Aufnahme der Kunst und auch der Religion in die Reihe grundlegender Fragen der Philosophie. Die Fragestellung, die diese neuen Sujets begleitet, ist folgende: Hätte die Kunst die Macht, das konstitutive Streben des Menschen zum Absoluten überhaupt zu befriedigen? Die Vernunft erwies sich auf diesem Gebiet als zu unvollkommen und steril; das war es, was die, von Locke bis zu Kant reichenden Philosophien zum Abbild bis zur Kritik, aufzeigten. Dies wiederum führte dazu, dass die Kunst mehr Aufmerksamkeit gewann. Ich möchte hier nun ganz kurz den Fall des jungen Nietzsche als Beispiel anführen, insbesondere die im Werk Die Geburt der Tragödie enthaltenen Thesen. Mit dem von Kant provozierten Niedergang der sokratischen Kultur und ihrem theoretischen Optimismus war der Weg frei für eine Wiederbelebung der tragischen Kultur der Griechen, die sich im Grunde auf die Verknüpfung zweier künstlerischer Antriebe stützt: dem dionysischen oder musikalischen, der eher nach dem Wesen der Welt sucht und dem apollinischen oder formellen, der zur Welt des Scheins tendiert.
Die Musik tritt folglich als Alternative auf, um unmittelbar die Wesenheit auszudrücken; sie entbehrt begleitender Darstellungen und ermöglicht ein sofortiges Eindringen in die Welt jenseits des Scheins. Jedoch sollte man dabei beachten, dass diese Idee weniger eine epistemologische Funktion erfüllt als eine therapeutische. Der springende Punkt ist, dass Nietzsche nicht darum besorgt war, erneute Diskussionen über die Wahrhaftigkeit der metaphysischen Modelle anzufachen, sondern darum aufzuzeigen, dass die Metaphysik Trost biete, damit der Mensch dem ihm immanente Leid ausweichen kann. Tatsache ist, dass wir uns nicht in ein vor-kritisches Zeitalter zurückziehen können; schlussfolgernd ist die Kunst, soweit sie von der Wahrheit absieht, der ideale Kandidat, dieses Konzept umzusetzen. Mit anderen Worten, die Kunst bietet uns Vorstellungen von Einheit und Gesamtheit, ohne die Notwendigkeit dafür Beweise anzuführen und frei von theoretischen Konflikten. Das lehrt uns wiederum, dass der Kunst die Schaffung der Illusion des Absoluten zukommt, aber nicht die Enthüllung des Absoluten. Bleibt die Frage offen, bis wann der Mensch es erträgt, freiwillig in der illusorischen Erstarrung zu leben, ohne gegen die ihn umgebende radikale Skepsis zu rebellieren.

*PHD – Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald / Universidade de São Paulo

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