![]() |
| Taisa Nasser - Berlim 2013 |
Es besteht
kein Zweifel, dass die Moderne, zumindest teilweise, das von Schiller geprägte
berühmte Epitheton
"sentimentalistisch" wieder aufnimmt. Bekannt ist auch, dass der
Rückzug der Aufklärung um die Jahrhundertwende vom 18. zum 19.Jh. zur
Aufwertung der Empfindsamkeit in der Philosophie, besonders in der deutschen
Philosophie, beigetragen hat. In diesem Sinne genügt es anzumerken, welchen
Vorzug Romantiker wie Schlegel der Intuition einräumten, anstelle der Diskurse
und Gedankenketten, die doch die westliche Philosophie lange Zeit
beeinflussten. Das folgerichtige Ergebnis dieser Verschiebung der Prioritäten
ist die Aufnahme der Kunst und auch der Religion in die Reihe grundlegender Fragen
der Philosophie. Die Fragestellung, die diese neuen Sujets begleitet, ist
folgende: Hätte die Kunst die Macht, das konstitutive Streben des Menschen zum
Absoluten überhaupt zu befriedigen? Die Vernunft erwies sich auf diesem Gebiet als
zu unvollkommen und steril; das war es, was die, von Locke bis zu Kant
reichenden Philosophien zum Abbild bis zur Kritik, aufzeigten. Dies wiederum
führte dazu, dass die Kunst mehr Aufmerksamkeit gewann. Ich möchte hier nun
ganz kurz den Fall des jungen Nietzsche als Beispiel anführen, insbesondere die
im Werk Die Geburt der Tragödie
enthaltenen Thesen. Mit dem von Kant provozierten Niedergang der sokratischen
Kultur und ihrem theoretischen Optimismus war der Weg frei für eine Wiederbelebung
der tragischen Kultur der Griechen, die sich im Grunde auf die Verknüpfung zweier
künstlerischer Antriebe stützt: dem dionysischen oder musikalischen, der eher
nach dem Wesen der Welt sucht und dem apollinischen oder formellen, der zur Welt des
Scheins tendiert.
Die Musik tritt
folglich als Alternative auf, um unmittelbar die Wesenheit auszudrücken; sie
entbehrt begleitender Darstellungen und ermöglicht ein sofortiges Eindringen in
die Welt jenseits
des Scheins. Jedoch sollte man dabei beachten, dass diese Idee weniger
eine epistemologische Funktion erfüllt als eine therapeutische. Der springende
Punkt ist, dass Nietzsche nicht darum besorgt war, erneute Diskussionen über
die Wahrhaftigkeit der metaphysischen Modelle anzufachen, sondern darum aufzuzeigen,
dass die Metaphysik Trost biete, damit der Mensch dem ihm immanente Leid ausweichen kann. Tatsache ist,
dass wir uns nicht in ein vor-kritisches Zeitalter zurückziehen können; schlussfolgernd
ist die Kunst, soweit sie von der Wahrheit absieht, der ideale Kandidat, dieses
Konzept umzusetzen. Mit anderen Worten, die Kunst bietet uns Vorstellungen von
Einheit und Gesamtheit, ohne die Notwendigkeit dafür Beweise anzuführen und frei
von theoretischen Konflikten. Das lehrt uns wiederum, dass der Kunst die Schaffung
der Illusion des Absoluten zukommt, aber nicht die Enthüllung des Absoluten. Bleibt
die Frage offen, bis wann der Mensch es erträgt, freiwillig in der
illusorischen Erstarrung zu leben, ohne gegen die ihn umgebende radikale Skepsis zu
rebellieren.
*PHD – Ernst Moritz Arndt Universität
Greifswald / Universidade de São Paulo

